Hipster Bedroom Will Be A Thing Of The Past And Here’s Why | hipster bedroom

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Liebe Abgehört-Gemeinde,

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Kollege Jan Wigger nimmt sich eine verdiente Auszeit. Seine Absenz überbrücken wir mit Gastbeiträgen bekannter Größen der Popkritik. Diese Woche: Torsten Groß, Chefredakteur der Musikzeitschrift “Spex”.

James Blake – “Overgrown”
(Atlas/Polydor/Universal, seit 5. April)

Es schrammt leider immer hart an der Phrase vorbei, wenn man einem Künstler fortschreitende Reifung bescheinigt, doch im Falle James Blakes ist der Entwicklungssprung so deutlich, dass es töricht wäre, ihn nicht zu würdigen. Die Konstruktion seiner Songs, sein flüchtiges, an einen erkälteten Antony Hegarty erinnerndes Falsett, all das wirkt noch immer so fragil, als könne man es mit einem kräftigen Husten zu Tode erschrecken und in alle Winde zerstäuben. Gleichzeitig spürt man in den nur hingetupften Piano-Akzenten, Synthesizer-Flächen, spärlichen Bassnoten und Beats ein gewachsenes Zutrauen zum eigenen Projekt, und aus dieser neuen Handfestigkeit erwächst eben auch ein klareres Gefühl.

Blake braucht keine Coverversionen wie Feists “Limit To Your Love” mehr, und auch Vergleiche mit ähnlich verschüchtert wirkenden Kollegen wie The xx sind nun obsolet geworden. “Life Round Here” und das von Rapper RZA begleitete “Take A Fall For Me” brechen gängige R&B- und HipHop-Strukturen auf ihr Skelett herunter, das treibende “Digital Lion” und das in sich verdrehte “Voyeur”, beide mit für Blake-Verhältnisse lautstarken Heul- und Sirenen-Geräuschen ausgestattet, weisen mit ungewöhnlich hohem Tempo in Blakes Vergangenheit als Dubstep-DJ. Das allzu zarte und vielleicht doch zu mickrige Pflänzchen, als das man den früh bejubelten Blake 2011 betrachten konnte, hat Wurzeln geschlagen: Er möchte noch da sein, “when everything’s overgrown”, singt Blake im Titelstück. Dieser Wunsch zu überdauern, kein schnell vergessener Hype zu sein, sondern zeitlos und ewig, ist das Grundthema dieses Albums, das sich, in den zarten Liebesballaden, sicher auch auf die Fernbeziehung zu der in L.A. lebenden Gefährtin erstreckt. Irgendeinen Grund für Melancholie gibt’s immer. (8.2) Andreas Borcholte

“Voyeur”-Clip von James Blake auf tape.tv ansehen

Charli XCX – “True Romance”
(Warner, ab 12. April)

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So muss, wer sich schon länger mit Charli XCX befasst, eigentlich niemand mehr das Album kaufen, denn es finden sich nur drei neue Tracks darauf, “Take My Hand”, “Set Me Free” und “Black Roses”. Alles andere war in den vergangenen zwei Jahren bereits als Single oder auf den beiden im Internet umsonst veröffentlichten Mixtapes zu hören. Mehr als ein Sampler mit Bonus-Tracks für alle, die von der umtriebigen Britin bisher noch nichts mitgekriegt haben, ist “True Romance” also nicht, aber das macht Charli XCX natürlich nicht zu einer weniger spannenden Künstlerin.

“Elektrisierenden Urban Electro Pop” nennt die Plattenfirma etwas hilflos das, was nicht mehr in Genre-Schubladen zu stopfen ist. Charli XCXs Bandbreite als Pop-Songwriterin – und -Programmiererin reicht von klassisch angelsächsisch-skandinavischem Pop (“Stay Away”, “Set Me Free”) über global tauglichen R&B-Disco (“Grins”) bis zu HipHop-Hybriden (“What I Like”) und Achtziger-Jahre-infiziertem Elektropop mit Goth-Einschlag (“Take My Hand”, “You ‘re The One”). Mit Hilfe von Top-Produzenten wie Ariel Rechtshaid und J£zus Million vereint sie also alles, was gerade in Radio- und Club-Räumen populär ist. Ihr bisher größter Erfolg, die inzwischen weltweit zum Gebrauchsmusik-Djingle mutierte Single “I Love It”, ist hier, leider, nicht vertreten. Charli XCX schrieb, komponierte und sang sie für das dadurch bekannt gewordene schwedische DJ-Duo Icona Pop. Es wäre interessant gewesen, ihre ureigene Version dieses Über-Hits zu hören.

“True Romance”, das Tarantino-Zitat ist Programm und zieht sich wie ein roter Faden auch durch Videoclips und Mixtapes, ist ein Showcase, ein Guckkasten mit einigen funkelnden Juwelen und ein bisschen Tand als Deko. Aitchison singt, wie viele andere Popsängerinnen Anfang Zwanzig, fast ausschließlich über die Licht- und Schattenseiten von Liebesbeziehungen, und sie findet dafür eine frische, freche Sprache. Was sie interessant macht, ist eine Düsternis, die in den Powerpop-Songs des Albums allerdings zu selten ausgestellt wird. Sie findet sich in “Cloud Aura”, dem Duett mit der rappenden Stripperin Brooke Candy, im traurig dahingluckernden “You (Ha, Ha, Ha)” und im kalten Synthie-Gewitter des zerquälten “How Can I”: “How can I fix what I fucked up”, singt sie darin. Die ebenfalls tiefschürfendere Ballade “Forgiveness”, Teil des “Super Ultra Mixtapes”, ist nicht auf dem Album enthalten, wahrscheinlich fand die Plattenfirma, das sie das avisierte Image der coolen, elektrifizierten Kate Nash oder britischen Robyn gestört hätte. Charli XCX ist aber vielleicht sogar mehr als das. Die Möglichkeit bleibt bestehen. Das Warten geht weiter. (6.8) Andreas Borcholte

Yeah Yeah Yeahs – “Mosquito”
(Polydor/Universal, ab 12. April)

In gewisser Weise waren die Yeah Yeah Yeahs damals ja die perfekte Popband. Weil die theoretische Idee, die Ästhetik, das Konzept bei ihnen besser waren als der Inhalt. Vom Start weg nahm die Sängerin Karen O mit erratischem Bühnengebaren und exaltierten Outfits den Thron der New Yorker Indie-Rock-Queen ein. Gitarrist Nick Zinner war die No-Wave-Version des prototypischen Keith Richards/Johnny Thunders-Sidekick und der schnarchig bebrillte Schlagzeuger Brian Chase gerade langweilig genug, um nicht groß von seinen Frontleuten abzulenken. Bassisten fand man damals nicht so schick. Nur die Musik, die sie in jenen Tagen veröffentlichten, war leider nicht so richtig gut, vom brillanten “Maps” einmal abgesehen.

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Das Debüt “Fever To Tell” enthielt vor allem betont ambitionierten Streber-Art-Punk ohne Melodien. Repetition und Monotonie waren beliebte Stilmittel in dieser Musik, bisweilen ausgereizt bis an die Grenze der nervlichen Belastbarkeit. Ein Umstand, der sich erst mit dem dritten Album “It’s Blitz!” so richtig änderte. Plötzlich gelang es den Yeah Yeah Yeahs auf überzeugende Weise, Ästhetik und Komposition zu einem stimmigen Pop-Gesamtbild zu verschmelzen – und damit auch jenseits der Platten-, Pardon: iPod-Sammlung von Karl Lagerfeld relevant zu werden.

Ein Indie-Dancefloor-Kracher wie damals “Zero” ist ihnen diesmal nur mit dem Titelsong gelungen, einem perkussiven, hochenergetischen Up-Tempo-Wahnsinn, in dem Karen O relativ ironiefrei einige Wahrheiten aus dem Leben einer Mücke verkündet: “Mosquito sing mosquito cry/ Mosquito live mosquito die/ Mosquito land on your neck/ Mosquito drink whatever’s left.” “Under The Earth” kombiniert das Outer-Space-Gewaber der Gothic-Hymne “Bela Lugosi’s Dead” (Bauhaus) mit japanischer Melodik, “Slave” ist eine schöne Siouxsie-Referenz. Die Yeah Yeah Yeahs experimentieren mit Dancehall und Loops, obskuren Hall-Effekten, pimpen ihren früheren Bedroom-Lo-Fi-Art-Punk mit den Produktionsmitteln von heute auf. Mit Dave Sitek, Nick Launay und James Murphy stand ihnen dabei die komplette Hipster-Produzenten-Starriege zur Seite. Money Mark spielt Keyboards, Kool Keith gibt ein Gastspiel, “Mosquito” ist in nicht weniger als sechs Studios entstanden, insgesamt zwei Managementfirmen betreuen die Geschicke der Musiker.

Die Band konnte sich also ganz darauf konzentrieren, ihre prägnanten Rhythmen bis aufs Korsett zu reduzieren und somit den perfekten Rahmen für Karen Os von orgiastischen Schreien durchdrungenes Wispern zu schaffen. Für die typischen Songs der Yeah Yeah Yeahs also, die, wie gewohnt, immer wieder von dazwischengehackten Gitarren-Salven durchbrochen werden und so in einem stetigen Auf und Ab auf irgendetwas zustreben. Allerdings ist dieses Irgendetwas nicht immer und unbedingt ein Refrain und nur selten ein derart furioses Finale wie im besinnungslosen Gospelchor am Ende von “Sacrilege”, der ersten Single.

Musikalische Versuchsanordnungen wie “These Paths” leben eher von ihrer Atmosphäre und den Beats, als Songs im klassischen Sinne mag man sie nicht bezeichnen. Auch “Area 52” braucht ganze Batterien von Space-Rock-Effekten, um seine kompositorische Mittelmäßigkeit zu verschleiern. “Despair” ist dann aber wieder eine echte Großtat, eine kontinuierlich anschwellende, atemberaubende Ode an die gute Hoffnung: “We’re all on the edge/ There’s nothing to fear … / Through the darkness and the light/ Some sun has gotta rise.” Das wäre ein guter Schluss, aber natürlich ist bei dieser Band die majestätische Ballade am Ende einer jeden Platte längst gute Regel. Das aktuelle “Maps”-Update: “Wedding”. Kindergeschrei, Herzpluckern, schmachtender Drama-Gesang, Hammond-Orgel, The-Edge-Gitarren, gen Himmel schwebend. “With every breath I breathe I’m making history”. Nicht ganz, aber schön ist das schon. (6.7) Torsten Groß

“Sacrilege”-Clip von Yeah Yeah Yeahs auf tape.tv ansehen

The Flaming Lips – “The Terror”
(Cooperative Music/Universal, seit 5. April)

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Eiskaltes Herzstück des Albums ist das 13 Minuten lange “You Lust”, das mit der heiser und verächtlich hervorgestoßenen Zeile “You’ve got a lot of nerve/ A lot of nerve to fuck with me” beginnt und eine Art futuristischer Soundtrack für John Hustons von Machtgier und -Verführung handelndem Abenteuerfilm “The Man Who Would Be King” von 1975 sein könnte. Aus dieser Zeit dürften auch die meisten analogen Gerätschaften und Instrumente stammen, denen Multi-Instrumentalist Steven Drozd um Coynes triste Lyrik herum unterkühlte Klänge entlockt. Musikalisch scheint “The Terror” ohnehin eher der Direktive des von Kraut und Minimal-Elektro faszinierten Drozd zu folgen, was vielleicht auch daran liegt, dass das Album entstand, als Coyne noch in die Post-Produktion des mit Gästen vollgestopften Vorgängerwerks “The Flaming Lips And Heady Fwends” involviert war. So dominieren repetitive elektronische Sounds und mäandernde Moog-Harmonien das Klangbild von sakral-suizidalen Mönchsgesängen wie “Be Free, A Way”. Durch das auf einem Blechdosen-Sound voranpuckernde “You Are Alone” spiralt sich ein Sound, der, böse Ironie, bedenkt man den Titel, an Primal Screams neo-psychedelische Umarmungshymne “Come Together” erinnert. Es zischt, es surrt, es riecht nach den Entladungen von Laserpistolen und Photonentriebwerken, die in den Sechzigern modern waren.

Und heute steigt man in dieser damals erdachten Zukunft aus dem Raumschiff – und alles ist nichts. Weil die Liebe fehlt. Und weil man alleine ist. Alone with everybody. (7.9) Andreas Borcholte

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